
Europameister mit der U18, Wechsel von Habenhausen nach Kiel und erster Profieinsatz. Der Weg von Vincent Faciejew erinnert stellenweise an Miro Schluroff. Wie sich der 18-Jährige zum Toptalent entwickelte.

Vincent Faciejew (18) gab im DHB-Pokal sein Profidebüt für den THW Kiel.
Foto: Lucija Begenisic/DHB
Zwischen Infokursen für das Studium und Ausflügen mit den Kommilitonen in der „Erstiwoche“ passt für Vincent Faciejew auch noch ein Gespräch mit dem WESER-KURIER rein. Etwas verspätet ruft er zurück; der Dozent habe bei seinem letzten Kurs etwas überzogen, berichtet er. Der 18-Jährige wohnt erst seit Ende Mai in Kiel, ist von seinem Heimatverein, dem ATSV Habenhausen, zum THW Kiel gewechselt und spielt dort in der A-Jugend-Bundesliga.
Für die Herren-Mannschaft hatte er im DHB-Pokal auch schon seinen ersten Profieinsatz – inklusive zweier Tore. Erst im Sommer wurde er mit der U18-Nationalmannschaft Europameister und absolvierte noch in Bremen sein Abitur. Jetzt also der Umzug in den hohen Norden und der Start ins Studium. Die Wahl ist auf Sportwissenschaft und Mathe auf Lehramt gefallen.
Für Kiel zu spielen, war für Faciejew vor einem Jahr noch fast unvorstellbar. Mittlerweile hat sich der Linksaußen dran gewöhnt: „Ich habe mich schon ganz gut eingelebt. Kiel ist eine schöne Stadt“, erzählt er. „Ein Vorteil ist, dass ich viele der Jungs, mit denen ich hier auf dem Campus wohne und mit denen ich auch beim THW spiele, schon aus der Nationalmannschaft kenne.“ Er sieht es gelassen – der Schritt von seinem Ausbildungsverein zu einem der größten Klubs im Welthandball war dennoch ein großer.
Eigener Vater als früher Förderer
Beim ATSV hat Faciejew von den Minis und Maxis bis hin zur A-Jugend alle Stationen durchlaufen. Seit den Anfängen mit dabei war auch Vater Irek Faciejew. Er hat in Polens höchster Liga gespielt, kam 2000 nach Deutschland und blieb nach einer ersten Station bei der SG Achim/Baden in Habenhausen hängen. „Uns hat das Handballdorf Habenhausen so gut gefallen, dass wir 20 Meter neben der Halle ein Haus gebaut haben“, erzählt er. Ein Entschluss, der eine nicht zu kleine Mitverantwortung im Karriereverlauf seines Sohnes tragen sollte.
Der kurze Weg zur Halle ermöglichte viele zusätzliche Trainingseinheiten mit Fokus auf Details. „Wir hatten den Hallenschlüssel und haben dann geübt, wie man abspringt, landet, abrollt, Wackler macht und so weiter“, berichtet der Vater. „Ich habe genau wie Vini Rechtsaußen gespielt, deshalb wollte ich ihm alles mitgeben, was ich erfahren und gelernt habe.“ Die Halle sei für seinen Sohn wie ein 800 Quadratmeter großes Kinderzimmer gewesen.
Talentförderung als Strategie
Beim ATSV hat die Förderung und Weiterentwicklung junger Talente schon immer einen hohen Stellenwert. Diese Strategie hält der Verein seit einiger Zeit unter dem Namen „Habenhauser Weg“ fest. Handball-Abteilungsleiter Oliver Behn erklärt: „Wir wollten Habenhausen diese gewisse Identität geben und sind deshalb auch froh, Miro Schluroff als Schirmherrn für den Habenhauser Weg gewonnen zu haben. Uns geht es vor allem darum, unseren Spielern die bestmögliche Ausbildung und den bestmöglichen Weg zu bereiten. Diese Bemühungen haben wir in der Vergangenheit auch noch einmal intensiviert.“
Druck als Antrieb
Auch Vincent Faciejew ist quasi ein Ergebnis dieses Weges. „Es gab eine Saison, da haben von 16 Mitspielern acht in derselben Straße gewohnt wie ich. Das ist natürlich ein großer Vorteil und verbessert die Teamchemie, weil man nicht nur Teamkollegen, sondern auch eine Freundesgruppe war“, erzählt er. „Der Verein war meine Familie, weil ich da auch aufgewachsen bin.“ Zu dieser Familie zählen laut Vater Irek vor allem auch Trainer wie Janik Schluroff, Leon Grieme, Thomas Krüger, Tim Schulenberg beim HC Bremen und Matthias Ruckh. Sie alle hätten einen großen Anteil an dem Weg, den Vincent jetzt gegangen ist, betont er.
Der Vergleich mit Miro Schluroff ehrt den jungen Faciejew. „Ich bin natürlich sehr glücklich darüber, dass Leute mich auf einem ähnlichen Weg wie Miro sehen, aber auf diesem Level bin ich noch lange nicht. Dafür braucht es noch einige Jahre harte Arbeit.“ Auch wenn er in der aktuellen Situation einen gewissen Druck verspürt, schafft er es, diesen positiv für sich zu nutzen. Druck sei für ihn eine notwendige Reaktion des Körpers, um Leistung zu bringen. „Ohne Druck würde vieles nicht funktionieren. Ich mag dieses Gefühl sogar, weil es mir mehr hilft, als mich von irgendwas abzuhalten“, meint er.
Meniskusriss als Lehre
Diese mentale Robustheit sieht er als eine seiner großen Stärken. Eine Stärke, die erst vor einem Jahr auf eine harte Probe gestellt wurde. Nachdem er zuvor bereits eine Saison mit starken Schmerzen absolviert hatte, gab sein Knie letztendlich nach. Der Meniskus war gerissen. Das Doppelspielrecht beim ATSV und zusätzlich beim HC Bremen war eine zu große Belastung. „Mein Wunsch ist vor allem, mich nicht noch einmal so schwer zu verletzen“, sagt Faciejew. „Anders als früher mache ich mittlerweile oft lieber weniger als zu viel. So eine Verletzung in jungen Jahren macht einen sowohl körperlich als auch mental echt kaputt.“
In der laufenden A-Jugend-Bundesliga-Saison stand Faciejew bisher in allen Spielen auf dem Feld. Damit das auch so bleibt, legt der 18-Jährige aktuell viel Wert auf Belastungssteuerung sowie Verletzungsprävention und will auch in Zukunft genau auf seinen Körper hören.
Zur Sache
Vincent Faciejew (18) wurde kürzlich gemeinsam mit drei weiteren Talenten in den Elitekader des Deutschen Handball Bundes (DHB) berufen. Die Eliteförderung des DHB verfolgt das übergeordnete Ziel, Spieler mit besonderem Potenzial noch gezielter auf ihrem Weg in den internationalen Spitzenhandball zu begleiten und sie dabei in ihrer Entwicklung langfristig zu unterstützen.
Quelle: 05.11.2026 Weser-Kurier, von Linus Karzig



